Datum: Samstag, 31. Oktober 2020

von Paul Maar, gekürzt von Dorothee Kupczik

Die Geschichte, die ich euch  heute schicke, handelt von der Erstkommunion des Vaters von Paul Maar. Ihn kennt ihr vielleicht von den Sams Büchern. Die Geschichte spielt im Jahr 1920, also vor genau 100 Jahren. Da gab es andere Probleme als heute in der Corona-Krise, aber es geht um Vorfreude, Geschwister und ein gemeinsames Ziel.

Lest selbst:

Mein Vater war damals noch ein Kind und gerade neun Jahre alt. Es gab damals ganz wenige Autos, Flugzeuge waren klein und sahen merkwürdig eckig aus. Keiner flog damals in Urlaub. Denn meine Familie war sehr arm. Meine Oma war Witwe, lebte von einer kleinen Rente und versorgte damit sich und ihre 4 Kinder: den zwölfjährigen Edmund, die elfjährige Elly, meinen Papa, den neunjährigen Philipp und den kleinen Richard, er war erst 6.

Oma verdiente sich ein wenig Geld dazu mit Stricken und Flickarbeiten.

Mit neun Jahren gingen alle katholischen Kinder zur Erstkommunion. Neben der Vorbereitung mit dem Pfarrer war es wichtig, einen schwarzen Anzug zu haben oder ein weißes Kleid und eine lange Kommunionkerze.

Oma sagte zu den Kindern: “Das mit dem Anzug und den Schuhen, das bekomme ich hin. Aber ich habe kein Geld für eine neue Kerze. Philipp, du musst die gebrauchte von Edmund und Elly nehmen”. Elly meinte: “Oh nein, ich fand es schon peinlich, mit einer gebrauchten Kerze zur Kirche zu gehen. Und jetzt ist sie wirklich klein. Das geht nicht.”

Oma sagte: Wir haben keine andere und damit basta. Geld für eine neue ist einfach nicht da.”

“Dann verdienen wir es eben!”, sagte Edmund. “Wenn alle Geschwister helfen, schaffen wir das. Es sind noch 2 Monate bis zum Weißen Sonntag.”

Alle vier Kinder wollten helfen.

Oma setzte sich an ihren Teil der Arbeit: Ein graues Kleid, dass sie als junge Frau getragen hatte und ihr nun zu klein war, trennte sie auf und färbte alle Stoffstücke schwarz. Es dauerte lange, aber dann war der ganze Stoff tiefschwarz. Daraus schnitt sie einen neuen Anzug für Philipp. Mit der Nähmaschine, es war keine elektrische, die gab es damals noch nicht, sondern mit einer mit Schwungrad und zum Treten, nähte sie den Anzug. Schließlich hatte sie es geschafft, der schwarze Anzug für Philipp hing im Schrank.

Nun kamen die Schuhe dran: die braunen Halbschuhe benötigten eine neue Sohle. Der Schuster empfahl Holzsohlen, die halten eh länger als Ledersohlen. Und dann wurden die Schuhe schwarz eingefärbt mit Schuhwichse.

Omas Arbeit war getan!

Und wie sah es bei den Kindern aus?

Edmund half dem Nachbarn mit dem großen Bauernhof und kehrte täglich den Riesen-Hof. Das dauerte fast eine Stunde, aber er bekam dafür 10 Pfennige. Philipp half dem Kräuterhändler beim Tüten Packen. Er verpackte Kräuter in kleine Papiertüten und klebte Zettel drauf mit - je nach Inhalt - “Hustentee”, “Magentee”... und verdiente so auch ein wenig Geld. Denn Philipp konnte schön und ordentlich schreiben. Elly half den Frauen, die zum Fluss kamen, um ihre Wäsche zu waschen. Nach dem Waschen bot sie sich an, auf die Wäsche aufzupassen, die am Flussufer zum Trocknen und Bleichen lag. Denn so konnten die Frauen zu Hause andere Arbeiten erledigen. Elly brachte am frühen Abend die Wäsche zu den Frauen und bekam einige Pfennige als Lohn. Nur Richard, der Jüngste, hatte keine Arbeit gefunden, zum Kehren war er zu klein, Schreiben und Lesen konnte er noch nicht, so half er Elly und schnitzte dabei aus Ästchen kleine Zahnstocher, die er dann “verkaufen” wollte. Doch keiner wollte sie haben.

In der Woche vor dem Weißen Sonntag legten die Kinder ihren Verdienst zusammen und es reichte für eine große schöne Kerze.

Am Tag der Erstkommunion kam Philipp im schwarzen Anzug, mit den neu besohlten Schuhen und der schönen Kerze die Treppe runter und alle freuten sich und waren stolz auf ihre Familie, die sich so toll geholfen hatte.

Doch dann geschah das Unglück: Die Holzsohlen an Philipps Schuhen waren so anders und ungewohnt, er stolperte und dabei fiel seine Kerze die Treppe runter und war in 2 Teile gebrochen. Oh Schreck, alles war umsonst, jetzt musste Philipp doch die gebrauchte Kerze von Elly nehmen.

Oma meinte nur leise: “Wenn ich jetzt feine Holzstäbchen hätte, damit könnte ich sie noch retten!” Das hörte Richard und lief schnell in das Schlafzimmer und holte seine Zahnstocher aus dem Versteck.

Wirklich, damit konnte Oma die Kerze flicken, Über die Bruchstelle und die Holzstäbchen als Schiene wurde Ellys weißes Haarband gewickelt und keiner merkte das Malheur. Philipps Kerze sah so feierlich aus mit der weißen Schleife und Philipp konnte froh und glücklich seine Erstkommunion feiern. Und die Geschwister hatten so viel Geld verdient, dass es noch für ein Foto beim Fotografen langte. Auf dem alten, braunstichigen Foto erkennt man deutlich den glücklichen Philipp mit seinen Geschwistern.

 

Gebet am Tag der geplanten Erstkommunion:

Lieber Gott,

wir wollten eigentlich heute (oder nächste Woche/übernächste Woche)

unsere Erstkommunion feiern.

Alles war geplant, alle Gäste eingeladen und

wir hatten uns gut vorbereitet in unseren Kommuniongruppen.

Und jetzt wissen wir noch nicht einmal, wann wir unsere Erstkommunion nachfeiern können.

Lass uns nicht verzagen,

gib uns Hoffnung und Mut,

damit wir uns darauf freuen können,

wenn wir endlich an den Tisch des Herrn eingeladen werden.

Begleite alle unsere Familien,

unsere Freundinnen und Freunde

und alle Menschen, die uns wichtig sind

und schenke allen Gesundheit und Gottes Segen.

Amen.

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.